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Vertrauen stärken – das der Aufnahmegesellschaft und das der Asylbewerber*innen

Die aufnehmende Gesellschaft bestimmt die Regeln der Aufnahme. Wenn sich die Ge-sellschaft überfordert fühlt, sich von Regierungen abwendet und radikalere Parteien wählt, sodass die Regierungsbildung immer schwieriger wird, ist niemandem geholfen – am wenigsten den Flüchtlingen. Es ist daher wenig hilfreich, über die Köpfe von Men-schen hinweg zu fordern, wie Deutschland sich angesichts der großen Flüchtlingszahlen zu verhalten habe. Es ist Realität, dass sich manche Menschen eher von Unsicherheiten überfordert fühlen und ein stärkeres Ordnungsbedürfnis als andere haben. Es gibt auch gewichtige Gründe, warum manche Menschen negative Folgen von großen Migrati-onsbewegungen befürchten. In der Flüchtlingsdebatte wird viel über Kultur, Sprache und finanzielle Sachverhalte diskutiert – jedoch nur relativ selten über einen sehr wichtigen Faktor: Vertrauen. In der Aufnahmegesellschaft wird Vertrauen vor allem dadurch gestärkt, dass die Bevölkerung von ihren Regierungen den Eindruck hat, dass sie die Lage im Griff haben und kontrollieren. Ist das Gegenteil der Fall, nehmen Sorgen und Ängste zu: Eine Studie der FAZ zeigt, dass nach dem Regierungsstreit über die Asylpolitik im Juli 2018 die Besorgnis auf dasselbe Level stieg wie 2015 – obwohl die Flüchtlingszahlen im Gegensatz zu 2015 auf einem sehr niedrigen Niveau verharren. Es schürt Ängste, wenn Politiker*innen radikale Scheinlösungen versprechen, die sie am Ende nicht einhalten können. Leider hat die deutsche Bevölkerung in den vergangenen Jahren massiv Vertrauen in öffentliche Institutionen verloren – weil öffentliche Gelder gekürzt wurden, oder dem Thema insgesamt zu lange zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Vertrauen der Aufnahmegesellschaft ist wichtig – aber in dieser Debatte geht oft verloren, dass auch Asylbewerber*innen Ver-trauen in die deutsche Gesellschaft brauchen, um sich integrieren zu können. Sie brau-chen Vertrauen darauf, dass sich ihre Integrationsleistungen lohnen, dass sie auf ihrem Weg in die deutsche Gesellschaft keiner Willkür ausgesetzt sind. Wenn sich Flüchtlinge ausgegrenzt fühlen, Vertrauen in Institutionen verlieren und sich von der deutschen Ge-sellschaft abwenden, ist niemandem geholfen – am wenigsten der deutschen Gesellschaft. Vertrauen in Institutionen, zeigt der kritische Ökonom Paul Collier in seinem Buch Exodus, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für gelingende Integration. Dies ist jedoch keine einseitige Sache, sondern betrifft Flüchtlinge und alle Teile der deutschen Gesellschaft gleichermaßen. Das fünfte Grundziel gelingender Asylpolitik muss daher sein: Wo Vertrauen verloren gegangen ist oder zu verloren gehen droht, muss es mit allen Mitteln gestärkt werden – auf Seiten der Aufnahmegesellschaft und der Asylbewer-ber*innen gleichermaßen.